„Zehn Wochen KZ Wöbbelin“ – Ein Abriss der Geschichte

1.Phase: Aufbau des Lagers

Baracken innerhalb des Lagers
Baracken innerhalb des Lagers

Drei Transporte zum Aufbau des Lagers Wöbbelin, untergebracht im Herbst 1944 erbauten Holzbarackenlager „Reiherhorst“,

1. 14./ 15.02.1945 500 Häftlinge aus Neuengamme treffen im Lager „Reiherhorst“ ein (Q: Bewegungsliste des KZ-Schutzhaftlagers Wöbbelin) Sie bauen mit Firmen aus der Umgebung das andere Lager, das ein Stalag werden soll, ein Lager für amerikanische Kriegsgefangene, Stalag Luft IV Groß Tychow (im heutigen Polen gelegen) soll vor der Front verlegt werden. (Q: Oliver Clutton-Brock, Footprints on the sands of time. RAF Bomber Command Prisoners-of-War in Germany 1939-1945, London 2003, S. 114.)

2. am 27.02.1945 treffen 50 Häftlinge aus Bergen-Belsen ein (Q: Bewegungsliste)

3. am 23.03. kommt ein weiterer Transport mit 157 Häftlingen aus Neuengamme , es sind jetzt insgesamt 622 Häftlinge, mehr als 80 sind seit dem 17.02. verhungert oder auf andere Weise zu Tode gekommen (teilweise nach Fluchtversuchen- geschlagen, gefoltert zu Tode gequält?) (Q: Bewegungsliste)

Die Leichen (82)werden bis zum 24.04.in Massengräbern auf dem Friedhof in Wöbbelin beerdigt. Ab dem 25.04. werden hinter der Bahnlinie bei Neu Lüblow im Wald Massengräber angelegt. (Q: Bewegungsliste)

Anfang April werden die Häftlinge vermutlich in das noch unfertige Lager überführt, was zu diesem Zeitpunkt nicht fertig gestellt ist. (Q: Berichte Hilberink und Sluijs)

2. Phase:

Außenansicht des Lagers
Außenansicht des Lagers

Anfang April bis 2. Mai 1945 , aufgrund des Vorrückens der Fronten wird Wöbbelin zum Auffanglager für verschiedene Evakuierungstransporte

4. am 13. April 1945 kommt ein Transport aus Porta Westfalica sowie Schandelah/Fallersleben, die Häftlinge verlassen den Zug am 15.April (Bericht Victor Malbecq)

5. am 15. April werden die männlichen Häftlinge aus Helmstedt Beendorf in Wöbbelin ausgeladen, die weiblichen Häftlinge werden weiter nach Hamburg/Sasel gebracht. Dieser Zug stand 3 Tage in Sülstorf auf dem Bahnhof (Q: Kooger, B.: Der Häftlingstransport aus dem KZ Beendorf nach Wöbbelin und Hamburg. In: Friedhof für 53 ungarische Jüdinnen in Sülstorf. Zur Geschichte einer kleinen Gedenkstätte. Hrsg. Politische Memoriale e. V. M-V,2007 )

6. Am 15. April kommen auch 46 Häftlinge zu Fuß von Kelbra an, einem Außenkommando des KZ Buchenwald, sie werden in der Bewegungsliste verzeichnet (Q: Bewegungsliste)

7. am 19. April treffen 544 Häftlinge aus Kaltenkirchen ein, sie werden in der Bewegungsliste verzeichnet ((Q: Bewegungsliste)

8. Der letzte Transport trifft am 26.04. aus dem KZ Ravensbrück ein, die meisten Häftlinge dieses Zuges waren vorher aus anderen Lagern(Mittelbau- Dora, Braunschweig-Schillstr., Sachsenhausen) in das KZ Ravensbrück gekommen und waren max. 1-2 Wochen im KZ Ravensbrück inhaftiert, mit diesem Transport kommen die meisten jüdischen Häftlinge nach Wöbbelin, viele von ihnen waren im Januar aus dem KZ Auschwitz auf Transport gegangen und sind in das KZ Mittelbau-Dora transportiert worden bzw. schon im Herbst 1944 in das KZ Braunschweig-Schillstr., andere waren von Lodz aus über bis zu 10 weitere Lager Mitte April nach Ravensbrück evakuiert worden. (Q: Berichte Franz Unikower, Erich Kary, Bücher: Joshua Laks, George Salton, Laszlo Berkowits)

Ende April befinden sich Im KZ Wöbbelin mehr als 5000 Häftlinge aus mindestens 20 Nationen, von denen in den letzten Tagen immer mehr verhungern oder an den Folgen der Haft sterben, am Ende mehr als 1000.

Im Lager herrscht völliges Chaos, es gibt keinen geregelten Alltag mehr. Einmal am Tag wird Essen verteilt, meist Brot und irgendeine Wassersuppe. Am 1. Mai werden die Häftlinge noch in einen Zug gebracht, dieser fährt jedoch nicht mehr ab, weil die Lokomotive defekt ist. Am Morgen des 2. Mai verlassen die Häftlinge die Waggons, sie berichten, dass in und zwischen den Baracken noch mehr Tote liegen. (Q.: Berichte Victor Malbecq und Dr. Franz Unikower)

Zu diesem Zeitpunkt haben die Einheiten der 82. US-Luftlandedivision und der 8. Infanterie bereits Ludwigslust bzw. Hagenow erreicht, die Rote Armee steht bei Grabow und Neustadt- Glewe.

Gegen Mittag werden ca. 300 deutsche Häftlinge noch zu einem Transport zusammengestellt und sie marschieren unter Überwachung Richtung Schwerin, aber bereits in Dreenkrögen ist der Gegenstrom so stark, dass sie nicht mehr weiter marschieren und sich die Wachmänner absetzen. Die Häftlinge schlagen sich in Richtung Rastow durch, wo sie am 3. Mai durch die Amerikaner befreit werden. (Q.: Bericht Franz Unikower)

Die Befreiung des Lagers

Eingangstor nach der Befreiung
Eingangstor nach der Befreiung

Gegen Mittag verlassen die verbliebenen Wachmannschaften das Lager Wöbbelin, vorher brannten im SS-Bereich mehrere Feuer, wahrscheinlich sind Unterlagen vernichtet worden. Die Häftlinge sind frei, ohne dass sie die Freiheit als solche wahrnehmen. Viele liegen im Koma.

Durch einen Zufall entdeckten amerikanische Soldaten der 82. US-Luftlandedivision am frühen Mittag des 2. Mai 1945 das KZ Wöbbelin. Nachdem die SS das Lager verlassen hatte, öffneten Häftlinge das Tor und einige von ihnen machten sich auf den Weg nach Ludwigslust. Dort entdeckte ein amerikanischer Soldat drei Häftlinge im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes, dessen Scheibe zerschlagen war. Diese „Skelette[...] versuchten schwankend, einige Kleidungsstücke anzuziehen.“ (Bericht Sergeant Gourlie)

Nach den Erklärungen dieser drei Häftlinge suchen die Amerikaner das Konzentrationslager Wöbbelin auf und alle beschreiben das gleiche: „ Man konnte das Wöbbeliner Lager riechen, bevor man es sehen konnte.“

Was die Amerikaner im Lager erblickten, war entsetzlich, überall Leichen, teilweise zu Haufen gestapelt oder überall verstreut, auch an den Wänden der Baracken und in den Holzbetten lagen Leichen, die man schwer von den noch Lebenden unterscheiden konnte. Die Überlebenden versuchten sich mit kleinen Bewegungen oder einfach nur Augenzwinkern bemerkbar zu machen. Einer der Befreier, der Historiker W. Pierce, beschrieb die Situation folgendermaßen: „Überall spürte man den Tod ringsum, von einer Pritsche streckte sich mir eine Hand entgegen mit einem Hilfeschrei. Ich blieb stehen, wollte helfen, doch ich wusste nicht wie.“

Der Leichengeruch im ganzen Lager war furchtbar und man konnte ihn auch noch mehrere Meter außerhalb des Lagers wahrnehmen. Die Häftlinge erlebten ihre Befreiung unterschiedlich, je nachdem, wie ihre körperliche und geistige Verfassung war. Einige jubelten und sangen ihre Nationalhymnen. Andere reagierten kaum, weil sie es gar nicht mehr wahrnehmen konnten. Die amerikanischen Soldaten, die durch das Erlebte entsetzt und geschockt waren, transportierten Lebensmittel und Medikamente in das Lager. Sie versuchten so die Überlebenden zu retten, hatten aber nicht bedacht, dass deren Mägen keine normale Nahrung vertrugen. So starben weitere Häftlinge durch den Verzehr von Schwarzbrot, Büchsenfleisch oder Ähnlichem. Die Amerikaner begannen daraufhin mit intravenöser Ernährung. Die Häftlinge, die medizinische Versorgung benötigten, wurden am 3. Mai 1945 in nahe gelegene Krankenhäuser und Lazarette bzw. in einen Militärhangar nach Techentin gebracht. Aber 189 der ehemaligen Häftlinge konnten auch durch diese Versorgung nicht mehr gerettet werden. Sie starben an den Folgen der im Lager erlittenen Qualen und an falscher Ernährung.

Die Deutschen, die behaupteten, nie etwas von den Konzentrationslagern gewusst zu haben, sollten von diesen Schrecken erfahren. Deshalb ordneten die Amerikaner die Besichtigung des Lagers (5. Mai 1945) sowie die Hilfe und die Teilnahme der Bevölkerung bei der Beerdigung an. Die Bestattungen erfolgte am 7. und 8. Mai 1945 in Ludwigslust, Hagenow, Wöbbelin und in Schwerin(am Platz der Opfer des Faschismus). In Ludwigslust wurden die Gräber für 200 Opfer direkt in der zentral gelegenen Achse Schloss Stadtkirche angelegt. Aus jedem Haushalt der Stadt musste mindestens eine Person an der Beerdigung teilnehmen.

( Vgl. Baganz, Carina, Zehn Wochen KZ Wöbbelin, hrs. Vom Förderverein der Mahn- und gedensktätten Wöbbelin, 2. Auflage, 2005, S.13 – 42, 70-82, Vgl. Bewegungsliste des Schutzhaftlagers Wöbbelin, das Original befindet sich in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Wöbbelin, Januar 2012