Nachruf

Janusz Kahl
Janusz Kahl

Janusz Kahl (1927 bis 2016)

Am 2. November 2016 ist unser Zeitzeuge und Freund Janusz Kahl, trotz seiner Krankheit für uns alle unerwartet, verstorben. Er war mit den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin auf eine ganz besondere Weise verbunden.

Janusz Kahl wurde am 01. Februar 1927 in Warschau geboren. Er besuchte die Schule bis zur 6. Klasse. Nach der deutschen Besetzung Polens lernte er im Untergrund weiter und legte 1944 das Notabitur ab. Mit seinem Vater beteiligte er sich am Warschauer Aufstand, er wurde verhaftet und über das Durchgangslager Pruszków in das KZ Sachsenhausen deportiert. Von dort wurde er in das Außenlager Alt Garge des KZ Neuengamme überstellt. Mitte Februar 1945 wurde dieses Außenlager aufgelöst und die KZ-Häftlinge in das KZ Neuengamme gebracht. Mit dem dritten Transport wurde Janusz Kahl am 23. März 1945 in das Außenlager Wöbbelin deportiert, wo er beim Aufbau des neuen Steinbarackenlagers Schwerstarbeit verrichten musste. Als das Lager ab Mitte April zum Auffanglager wurde, verschlechterten sich die Bedingungen erheblich. Die „rettende Ankunft“ der US-Armee war für ihn eine „unglaubliche Freude“, aber nun begann für Janusz Kahl und alle anderen „der Kampf um die eigene Gesundheit“, denn er wog nur noch 42 Kilogramm.
Nach seiner Befreiung brachten die Amerikaner Janusz Kahl in das DP-Lager Stern Buchholz, in dem er seine spätere Frau Teresa Wojtczak kennen lernte. Sie war nach dem Todesmarsch aus dem Außenkommando Kleinmachnow des KZ Sachsenhausen ebenfalls in Wöbbelin befreit worden. Janusz Kahl benötigte ein Jahr, um sich körperlich von der KZ-Haft zu regenerieren. Im Mai 1946 kehrte er mit seiner Frau nach Polen zurück und studierte Klavier und Komposition. Als Repetitor des Warschauer Operettentheaters und als Pianist begleitete er viele Konzerte und komponierte Musikstücke. Ein besonderer Höhepunkt war für die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin am 2. Mai 2015 - im Rahmen der Internationalen Begegnung der Generationen - die deutsche Uraufführung seines Triptychons für Klavier und Flöte in der Ludwigsluster Stadtkirche.
Seit seiner Pensionierung recherchierte Janusz Kahl die Namen der polnischen politischen Häftlinge des KZ Neuengamme und seiner Außenlager und unterstützte somit erheblich die Forschung der KZ- Gedenkstätten. Er engagierte sich im polnischen Verband ehemaliger politischer Häftlinge der Gefängnisse und Konzentrationslager der Hitlerzeit und war seit 1991 Vize-Präsident des internationalen Häftlingsverbandes Amicale Internationale KZ Neuengamme.

Die Vermittlung des Erlebten an die nachfolgenden Generationen war ihm ein besonderes Anliegen. Für ihn war die Jugend die Zukunft, und bis zuletzt war es ihm ein Bedürfnis, jungen Menschen von seinen Erfahrungen zu berichten, in Polen wie in Deutschland, seit vielen Jahren auch bei jedem Besuch im Landkreis Ludwigslust-Parchim und darüber hinaus. Geschichte wurde durch ihn begreifbarer.

Janusz Kahl war nicht nur Zeitzeuge, sondern Zeitzeuge aus Berufung! Er hat die Erinnerungsarbeit in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin mit seinem unermüdlichen Einsatz maßgeblich geprägt. Sein großes Engagement würdigte der Förderverein der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin 1999 mit der Ehrenmitgliedschaft.
Mit Janusz Kahl haben wir einen ehrlichen und wertvollen Menschen verloren, der bis zuletzt die Forschungen sowie die Bildungs - und Erinnerungsarbeit der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin unterstützt hat. Wir danken ihm dafür, dass er seine Geschichte weiter getragen hat und für uns alle ein unermüdlicher Gesprächspartner war. Worte, können nicht ausreichend beschreiben, wie wichtig Janusz Kahl als Mensch und Persönlichkeit für uns war. Er hinterlässt eine Lücke, die nicht mehr zu schließen ist. Wir werden ihn schmerzlich vermissen und ihm ein ehrendes und hohes Andenken bewahren! Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie.

Im Auftrag der Mitglieder der Vereine
Rolf Christiansen, Vorsitzender des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V.
Dr. Carina Baganz, Vorsitzende des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin
Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin
Parchim und Wöbbelin im November 2016

  • Begegnung zwischen den Überlebenden des KZ Wöbbelin Janusz Kahl (re.) und Erich Kary, 2.Mai 2009
  • Janusz Kahl und der ehem. Befreier Werner Tom Angress, 1. Mai 2010
  • Janusz Kahl und Wanda Zatryb, beide aus Polen, 2. Mai 2010
  • Janusz Kahl und Urszula Spinkiewicz, 2. Mai 2011
  • Janusz Kahl, 2. Mai 2011
  • Janusz Kahl, 1. Mai 2014
  • Nach der Uraufführung des Triptychons am 2. Mai 2015
  • Musiklehrerin Anne- Elisabeth Ramsenthaler, Johanna Mill, Querflöte, Janusz Kahl und Danilo Volpyanski, Klavier, 2. Mai 2015
  • Überlebende am Denkmal für die Opfer der Todesmärsche, Janusz Kahl 4.v.l., Mai 2015