Nachruf

Erich Kary
Erich Kary

Am 21. Juli 2014 ist unser Zeitzeuge und Freund Erich Kary, trotz seiner Krankheit für uns alle unerwartet, verstorben. Er war mit den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin auf eine ganz besondere Weise verbunden.

Erich Kary wurde am 28. November 1924 in eine deutsch-jüdische Familie in Angerburg/Ostpreußen geboren. Im November 1939 kam er als Fünfzehnjähriger nach Brandenburg zur Hachschara. Die landwirtschaftliche Ausbildung in diesen Vorbereitungslagern für die Auswanderung nach Palästina prägte Erich Kary nachhaltig, ab 1941 musste er in Neuendorf bei Fürstenwalde Zwangsarbeit leisten. Im April 1943 wurde er von dort mit seiner Mutter Klara von der Gestapo nach Berlin in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße gebracht. Bereits am 19. April 1943 wurden beide mit dem 37. Osttransport nach Auschwitz deportiert. 543 der 1.000 jüdischen Männer, Frauen und Kinder dieses Transportes wurden sofort in den Gaskammern getötet: Erich Kary sah seine Mutter nicht wieder. Er jedoch überstand die Selektion und kam zur Zwangsarbeit für die I.G. Farben in das KZ Auschwitz III-Monowitz.
Wegen der näher rückenden Front räumte die SS den KZ-Komplex Auschwitz im Januar 1945, und Erich Kary wurde mit tausenden Häftlingen auf den Todesmarsch über Gleiwitz ins KZ Mittelbau-Dora geschickt. Im April 1945 trieb die SS die Häftlinge aus diesem Lager erneut auf den Marsch über Osterode und Ravensbrück ins KZ Wöbbelin, wo er am 2. Mai gerettet bzw. zum zweiten Mal geboren wurde, wie er selbst gesagt hat.

Erich Kary war der einzige ehemalige Häftling des Konzentrationslagers Wöbbelin, der nach seiner Befreiung im Raum Ludwigslust geblieben ist und beim Wiederaufbau des Landes geholfen hat. Das ist alles andere als selbstverständlich. Seit vielen Jahren leistete er hier vor Ort Erinnerungsarbeit, denn die Vermittlung des Erlebten an die nachfolgende Generation war ihm ein besonderes Anliegen. Es ging ihm dabei nicht nur um die Geschehnisse in den Konzentrationslagern oder auf den Transporten und Todesmärschen während der Endphase der Konzentrationslager, sondern vor allem auch um die Erfahrung von Ausgrenzung und Gewalt gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Geschichte wurde durch ihn begreifbarer.
Bei jedem Workcamp und fast jedem Schülerprojekt in den Mahn- und Gedenkstätten war er dabei, zu jedem Gespräch war er bereit. Die Schülerinnen und Schüler verehrten ihn. Sie erlebten ihn als einen ehrlichen und warmherzigen Gesprächspartner, der auch für ihre Probleme Verständnis hatte. Eine seiner häufigsten Fragen war: Wie geht ihr mit Gewalt um? In der folgenden Diskussion machte er besonders den Zurückhaltenden Mut.
„Bei dem ganzen Projekt gibt es zwei Sachen, die mich schwer beeindruckt haben. Zum einen, die Namen, die an der Gedenkstätte aufgeführt waren. Zum anderen aber auch die Tatsache, dass sich Herr Kary wirklich dazu bereit erklärt hat, mit uns Schülern über seine grausame Vergangenheit zu sprechen. Ich denke, dazu gehört viel Mut und ich bewundere seine Entscheidung sehr.“ (Schülerin, Schulzentrum Dömitz)
Ohne Erich Kary ist die Bildungsarbeit in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin kaum zu denken, denn er war nicht nur Zeitzeuge, sondern er war Zeitzeuge aus Berufung! Mit seinem unermüdlichen Einsatz im Dienste der Aufklärung hat er die Mahn- und Gedenkstätten zu dem gemacht hat, was sie heute sind: Ein Ort der Begegnung, der Erinnerung und der Mahnung, ein Ort der Stärkung demokratischer Werte und Normen, vor allem aber ein Ort der Menschlichkeit.
Einer seiner Leitsätze lautete: Die Menschen müssen wissen, was damals geschehen ist. Er hat alles dafür getan, dass die Menschen dies erfahren. Das war gewiss nicht immer einfach, aber er hat diese Last auf sich genommen – um der Zukunft nachfolgender Generationen willen.

Sein großes Engagement würdigte der Förderverein der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin am 1. Mai 2012 mit einer Ehrenurkunde, und im Rahmen der Gedenkveranstaltung am 2. Mai 2013, zeichnete ihn das niederländische Königshaus mit dem Ritterorden von Oranien-Nassau aus. Das Königshaus würdigte damit Erich Karys Verdienste um Gesellschaft und Gemeinwesen sowie seine unermüdliche Erinnerungsarbeit.

Mit Erich Kary haben wir einen ehrlichen und wertvollen Menschen verloren, der bis zuletzt die Bildungsarbeit der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin unterstützt hat. Wir danken ihm dafür, dass er seine Geschichte weiter getragen hat, und für uns alle ein unermüdlicher und streitbarer Gesprächspartner war. Worte, können nicht ausreichend beschreiben, wie wichtig Erich Kary als Mensch und Persönlichkeit für uns war. Er hinterlässt eine Lücke, die nicht mehr zu schließen ist. Wir werden ihn schmerzlich vermissen!

Im Auftrag der Mitglieder und Freunde

Rolf Christiansen, Vorsitzender des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V.

Dr. Carina Baganz, Vorsitzende des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin

Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin