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8. Tagung zur Regionalgeschichte erinnerte an Opfer der NS- "Euthanasie"

2019-06-30 15:08

Die Heil- und Pflegeanstalt auf dem Schweriner Sachsenberg gehörte zu den zentralen Orten der nationalsozialistischen Medizinverbrechen auf dem heutigen Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns.Zwischen 1939 und 1945 fielen in dieser Einrichtung mindestens 1900 Menschen der NS-„Euthanasie“ zum Opfer. Dazu gehörten auch 29 Personen aus Ludwigslust sowie Kinder der Lobetaler Anstalten bei Lübtheen. Durch die Enteignung der Einrichtung 1939 war der Weg zur Ermordung der dort betreuten geistig behinderten Kinder frei. Sie wurden in die Kinderfachabteilung Lewenberg bzw. Sachsenberg nach Schwerin verlegt und dort ermordet.

Der Arzt Dr. Alfred Leu „war die selektierende Instanz“, erklärt Dr. Kathleen Haack von der Universitätsmedizin Rostock in ihrem Vortrag während der 8. Tagung zur Regionalgeschichte des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Im Mittelpunkt der Tagung in Ludwigslust stand das Thema NS-„ Euthanasie“. Wie jedes Jahr wurde die Tagung zur Regionalgeschichte vom Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e. V. organisiert.

Das Ziel der Tagungen zur Regionalgeschichte sei es, Lehrerinnen und Lehrern sowie allen historisch Interessierten aktuelle Forschungsergebnisse, insbesondere aus dem Landkreis, vorzustellen“ sagte Landrat Stefan Sternberg in seinem Grußwort. „Euthanasie habe es in ganz Deutschland gegeben, doch auch vor der eigenen Haustür. Für die Zukunft sei es deshalb umso wichtiger, weiterhin zu erinnern, zu mahnen und nicht zu vergessen. Denn „wer sich nicht an seine Vergangenheit erinnert, ist verdammt, sie zu wiederholen“, schließt Stefan Sternberg seine Grußworte mit dem Zitat des amerikanisch-spanischen Philosophen George de Santayana.

Insgesamt wurden in Deutschland zwischen 1939 und 1945 mehr als 200.000 Patienten in vermeintlichen „Heil- und Pflegeanstalten“ getötet. Dr. Alfred Leu habe als Anstaltsarzt in der „Heil- und Pflegeanstalt Schwerin-Sachsenberg“ systematisch geistig und körperlich behinderte Menschen getötet. „Er wählte aus, wer sterben müsse, wer leben dürfe“, sagte Dr. Bernd Kasten, Leiter des Schweriner Stadtarchivs, und ergänzte: Ein nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingeleitetes Gerichtsverfahren vor dem Schwurgericht Köln endete am 24. Oktober 1951 mit Freispruch, der am 4. Dezember 1953 nach einem erfolgreichen Widerspruch der Staatsanwaltschaft beim Bundesgerichtshof in einem zweiten Verfahren vom Schwurgericht bestätigt wurde. Dr. Leu arbeitete weiterhin als Gerichtsgutachter in Köln.

„Die Nationalsozialisten hatten nicht nur die Kontrolle über die Ehe und Fortpflanzung sondern auch über Leben und Tod“, berichtete Frau Dr. Kathleen Haack von der Universitätsmedizin Rostock. Die „Euthanasie“ im Nationalsozialismus sei ein systematischer Massenmord gewesen. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933, das die Zwangssterilisation von vermeintlich genetisch Kranken gestattete, führte außerdem dazu, das von 1933 bis 1945 etwa 350.000 bis 400.000 Menschen sterilisiert wurden. Die Zwangssterilisation kostete vielen Menschen das Leben oder verursachte schwere, bleibende Gesundheitsschäden. Es ist ein Kapitel der NS- Geschichte, das erst sehr spät in den Fokus der historischen Forschung gelangte, was Prof. Matthias Pfüller sehr eindrucksvoll und emotional in seinem Vortrag darlegte.

Inzwischen gibt es seit 2008 in Schwerin auf dem Sachsenberg ein Denkmal für die Opfer der „Euthanasie“ der Mecklenburger Künstlerin Dörte Michaelis. Seit Juni 2013 erinnert eine Gedenkstätte an die 54 Kinder von Lobetal bei Lübtheen. In den letzten Jahren wurden in Schwerin und auch in Wismar so genannte Stolpersteine auch für „Euthanasie“-Opfer verlegt. Die Frage nach dem Erinnern warf Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, am Ende der Tagung auf. Sie appellierte an die anwesenden Lehrer/innen und Schulsozialarbeiter/innen im Rahmen der Wahlpflichtunterrichts oder von Projekten sich auf Spurensuche in den Heimatorten zu begeben und auch diesen Opfern aus der NS-Zeit einen Namen bzw. ein Gesicht zu geben.

Angebote zur Unterstützung der Recherchen kamen ebenfalls von Dr. Kathleen Haack von der Universitätsmedizin Rostock, die über entsprechende Quellen Auskunft geben kann, und auch von Dr. Carola Rudnick, von der „Euthanasie"- Gedenkstätte Lüneburg. Sie berichtete über den Ausbau der Gedenkstätte zu einer Stätte der Bildung und des Gedenkens für die „Opfer der NS-Psychiatrie“ sowie über die erfolgreiche Suche nach den Familienangehörigen von Opfern. In Lüneburg wurden Menschen aus ganz Norddeutschland getötet und somit Opfer der „Euthanasie“.

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